Samstag, 16. Juni 2012
Kapitel 1
Isabella POV
„DU VERDAMMTES STÜCK SCHEIßE KOMM DA ENDLICH RAUS.ICH SCHWÖRE DIR, WENN ICH DICH IN DIE SCHEIß FINGER BEKOMME, BRING ICH DICH UM!!“
Ich saß mit dem Rücken zu meiner Tür und die Hände auf meine Ohren gepresst. Aber das konnte mich nicht davor bewahren, die Schreie meiner Mutter zu hören. Sie war betrunken wie so oft.
Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie es war, meine Mutter nüchtern zu erleben.
So war sie schon seit Jahren, seit der Sache mit....ich konnte nicht einmal seinen Namen denken. Es tat zu sehr weh.
Meine Mutter brüllte weiter und aus lauter Verzweiflung begann ich laut zu summen.
Mein Summen übertönte ihr Geschrei nicht ganz aber es half. Bald würde sie anfangen gegen die Tür zu treten, dann würde sie weinen und zu guter letzt würde sie grummelnd aufgeben und sich zurück auf das blaue Sofa setzten, das im Wohnzimmer stand. Sie würde wieder den billigen Fusel trinken und einschlafen. Wie jeden Tag.
Ich warf einen Blick auf meine Uhr, die auf meinem alten kleinen Nachttisch stand. Die Digitalanzeige verriet mir, dass es 7:22 Uhr war. Ich musste bald los. Noch fünf Minuten dann würde sie sicher schlafen. Sie war bereits wieder im Wohnzimmer. Ich hatte gehört, wie sie davon schlurfte und irgendetwas umwarf.
Es war mittlerweile 7:31 Uhr und somit musste ich los. Leise schloss ich die Tür meines Zimmers auf und schlich so leise wie möglich zur Haustür. Dabei bemerkte ich, dass meine Mutter eine Vase mit vertrockneten Rosen umgeworfen hatte. Sie wirkten wie Staub, so alt waren sie schon.
Es waren die letzten Blumen gewesen, die mein Vater meiner Mutter mitgebracht hatte, bevor er sich mit unserem Verlängerungskabel am Deckenventilator im Flur erhängt hatte. Ich schüttelte meinen Kopf, um die grausamen Bilder los zu werden, die sich in meine Gedanken gedrängt hatten.
Mit einem knarrenden Geräusch öffnete sich die Haustür und ich zog sie kurz darauf leise hinter mir wieder zu. Als die Tür endlich ins Schloss viel atmete ich einen Schwall Luft aus.
Ich hatte meine Hände tief in den Taschen meines Parkers vergraben und lief mit gesenktem Kopf den üblichen Weg zur Schule entlang. Es war das letzte Jahr. Nur noch ein paar Wochen und ich hatte es geschafft. Dann musste ich mich nie wieder der Schikane meiner Klassenkameraden aussetzen. Nur noch ein paar Wochen...
Ich dachte die Worte immer und immer wieder jeden Tag. Nur so konnte ich die Schule ertragen. Ich hatte eben nicht so tolle Kleider wie die anderen. Meine Kleidung war relativ alt und einige Pullover und Hosen waren zerschlissen und hatten Löcher. Ich wusch sie immer, doch das änderte nichts daran, dass sie alt wirkten, was sie ja auch waren.
Ich war auch sonst nicht hübsch. Mein Haar viel mir immer in mein Gesicht und ich versteckte mich dahinter. Meine Haut war leichenblass und meine Augen waren ein langweiliges Braun. Ich war langweiliger Durchschnitt.
Ich hatte alles was ein Opfer brauchte. Ich werte mich nie. Lies alles über mich ergehen. Wenn Lehrer mich fragten, ob alles in Ordnung sei, sagte ich ja. Ich hasste die Schule und mein Leben zu Hause.
Doch es gab eine Sache, die dafür sorgte, dass ich mich einmal am Tag besser fühlte. Und genau dieser Sache kam ich gerade näher. Er war etwas älter als ich, hatte wildes bronzefarbenes Haar und unglaubliche Grüne Augen. Auf seinen Armen hatte ich schon einige male verschlungene Tätowierungen bemerkt, war jedoch nie nah genug an ihm vorbei gegangen, um zu erkennen was es für ein Muster war. Ich spürte seinen Blick auf mir und senkte meinen Kopf etwas mehr, um mich unsichtbar zu machen.
Er war seit ein paar Wochen immer am selben Platz. Er lehnte an einer Häuserwand, seine Beine waren angewinkelt und seine Arme lagen lässig auf den Knien. Er hielt eine Zigarette zwischen seinen langen tätowierten Fingern.
Es tat mir leid, dass ein so schöner Mensch auf der Straße lebte und gerade mal einen Schlafsack und einen Rucksack besaß. Nicht zu vergessen der Pappbecher von McDonalds, der vor ihm stand.
Ich schielte jedes Mal zu ihm herüber, wenn ich an ihm vorbei ging und jedes Mal sah ich, dass er seinen Kopf schief hielt und mich mit seinen Blicken verfolgte. Ich verlangsamte meine Schritte etwas, um wenigsten eine paar Sekunden heraus zu schlagen, in denen ich ihn beobachten konnte. Dabei viel mir jedoch das hohle Gekicher zu spät auf, dass sich mir schnell nährte.
Jemand stieß mich hart gegen den Rücken, so dass ich ins Straucheln kam und über irgendetwas stolperte, vermutlich über meine eigenen Füße. Ich schaffte es nicht mehr meine Arme auszustrecken, um meinen Sturz abzufangen und so landete ich in eine Pfütze und schlug mit der Stirn auf den Asphalt auf.
Ich hörte ein lautes Lachen und sah noch, wie Tanja, Lauren und Jessica lachend davon rannten. Sie gingen in meine Klasse und ich war oft das Opfer ihrer Erniedrigungen. Mir schossen die Tränen in die Augen, so dass ich mir auf die Lippen beißen musste, um sie zurück zu halten. Meine Haare und Kleidung waren nass und ich fing bereits an zu zittern.
Jemand packte meinen Arm und ich entließ ein lautes Schluchzen. Ich riss meinen Kopf nach oben und sah in zwei wunderschöne grüne Augen. In seine grünen Augen. Wie konnte ein Obdachloser nur so attraktiv sein? Er strich mir sanft mit seinen Fingerknöchel meine Tränen weg, die sich bereits ihren Weg über meine Wangen gebahnt hatten.
„Komm mit.“, forderte er mit einer Stimme, die melodischer und schöner war, als alles was ich je zuvor gehört hatte.
Er zog mich an den Armen nach oben, nahm meine Schultasche und führte mich langsam zu seinem Schlafplatz. Dort angekommen, drückte er mich bestimmend auf seinen Schlafsack. Mein Herz schlug wild und holpernd in meiner Brust, so dass ich dachte, es würde gleich herausspringen. Er ließ meine Tasche achtlos zu Boden fallen und kniete sich neben mich hin.
Das war das erste Mal, dass ich ihn von nahem sah. Seine Gesichtszüge waren klar definiert.
Seine grünen Augen waren von einem Kranz dunkler und dichter Wimpern umrahmt, hohe Wangenknochen sowie eine gerade Nase und volle geschwungene Lippen zierten sein vollkommenes Gesicht.
Aus dem Kragen seines Shirts lugte ein Teil einer weiteren Tätowierung heraus. Unter seinem Shirt zeichneten sich seine Brustmuskeln ab und ich musste dem Drang widerstehen, ihn zu berühren.
„Alles okay?“ So schön melodisch klang seine Stimme. Er machte sich wirklich, um mich sorgen. Um mich. Einen niemand. Ich war gerührt.
Ich nickte ihm als Antwort nur zu, da ich momentan nicht in der Lage war, auch nur einen vernünftigen Satz heraus zu bringen.
„Wenn ich die Fotzen in die Finger bekomme, ramme ich ihnen meine Faust in ihre dürren Ärsche.“, spie er wütend aus! Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. Seine Worte waren so vulgär, klangen aber wie purer Sex mit seiner Stimme.
„W..w..warum?“ Meine Stimme versagte mir und ich spürte erneut Tränen in meinen Augen aufsteigen. Für mich setzte sich niemand ein. Das machten die Leute einfach nicht. Er zog seine Stirn kraus und zog einen Schmollmund, der mehr als verführerisch aussah.
„Weil sie anscheinend nur Scheiße in ihren hohlen Birnen haben.“, erklärte er. Er wirkte so wütend und das, obwohl wir uns nicht kannten!
„Wie geht’s deinem Kopf.“, fragte er und ein besorgter Unterton schwang in seiner Stimme mit. Jetzt wo er mich fragte, spürte ich das dumpfe Pochen in meiner Stirn und wollte mir automatisch an den Kopf fassen, doch seine Hand hielt meine auf.
„Denk nicht mal dran, der Scheiß muss schon so genug weh tun. Nicht nötig, dass du noch zusätzlich an deiner Stirn herumstocherst. Lass mich das machen.“ Ich riss vor Überraschung die Augen auf und zuckte vor seiner Hand zurück. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass er mir helfen wollte und war mit der Situation schlichtweg überfordert.
Empört schnaufte er mich an.
„Fuck, ich hab keine verschissenen Krankheiten oder so´n Scheiß und ich werde dir auch nicht an deine süßen Titten grabschen. Nur weil ich grade lebe wie der letzte Penner, hab ich nicht gleich meinen Anstand verloren.“
Welcher Anstand?
„Nein ich habe keine Angst, ich war nur...ähm...ü..überrascht.“, gestand ich ihm. Ich wollte nicht, dass er dachte, dass ich ihn ekelig fand oder so. Das war er ganz sicher nicht! Ich fühlte, wie meine Wangen anfingen vor Scham zu brennen.
„Der Scheiß ist schon echt süß! Wie ist dein Name?“
Was war Süß?
„Ähm...I..I..Isabella.“
Er gluckste leise vor sich hin. Wahrscheinlich wegen meines Gestotter!
„Okay I..I..Isabella, ich bin Edward mit einem E.“, verkündete er auch prompt lachend.
Wenn ich vorher noch nicht rot wie eine Ampel war, dann jetzt ganz sicher. Es war mir peinlich, dass ich es nicht hinbekam normal mit ihm zu reden und stattdessen klang, als hätte ich eine ausgewachsene Sprachstörung. Aber jetzt wusste ich wenigstens seinen Namen. Edward. Edward.
Sein Name passte so gar nicht zu seinem punkigen Auftreten oder war es doch mehr das Aussehen eines Rockers? Ich konnte mich nicht entscheiden. Einerseits war er mit seinen Springerstiefeln und den tiefsitzenden Jeans einem Punk ähnlich, andererseits war der Rest von ihm das, was ich mir unter einen Rocker vorstellte. Das Unrasierte, sein wirres Haar, die samtig rauchige Stimme.
Er hatte so viele Tätowierungen, dass ich nicht wusste, wo der Anfang war und wo das Ende.
Auf seinen Fingerknöchel der rechten Hand prangte ein „FUCK“ und auf den der linken ein „YOU“. Seine samtene Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
„Gefallen dir meinen Fingerchen? Du kannst sie auch gerne anfassen oder was anderes von mir. Wenn du willst, zieh ich die scheiß Klamotten aus und wir robben uns hier eine Runde über den Drecksboden.“
„Was? Ich...ähm...nein....ich...ich..muss zur Schule.“, stotterte ich ihm entgegen und sprang auf. Ich griff nach meiner Tasche und rannte los. Ich wusste nicht einmal wieso. Seine Worte machten mir keine Angst sondern genau das Gegenteil war der Fall. Sie lösten ein wohliges Kribbeln in mir aus.
„Scheiße...WARTE DOCH! ICH HABS NICHT SO GEMEINT!.....FUCK.“
Ich hörte zwar, dass er mir hinterher brüllte, doch ich konnte nicht mehr stoppen und rannte geradewegs in die nächste Hölle.
Die Schule!
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